Ganz ohne Alles

Er schlenderte über den Weihnachtsmarkt, unwissend, was er überhaupt hier wollte. Es war schon dunkel, es muss ungefähr halb 8 gewesen sein. Es schneite. Der Posaunenchor spielte, selbst an so einem kalten Dezembermittwoch. Alles klang wie immer, alles war irgendwie so wie immer und dennoch wusste er ganz genau, dass etwas fehlt. Die von Glühwein heiter gewordenen Menschen waren anwesend und lachten laut und auch die duftenden Waffelstände boten wieder ihre Waffeln mit Kirschen, Schokolade oder Sahne an. Er aß aber immer die mit Puderzucker. Ganz ohne alles, nur Puderzucker. Die isst er jedes Jahr hier. Er ging weiter.

Der Schneefall nahm zu, aber die Flocken tanzten noch ruhig auf die Straßen und Dächer nieder. Er hörte einen Standbesitzer fluchen, er schien sich über das Wetter zu beschweren, weil seine gestrickten Wollsocken dem Wetter nicht standhalten konnten. „Dumm“, dachte er sich, „da gibt es Leute, die, selbst wenn Weihnachtsmarkt ist, über Schnee meckern“ Er dachte sowieso, dass man es niemandem hätte Recht machen können, davon war er schon lange überzeugt, und das nicht nur am Tag des Weihnachtsmarktes. Er erinnerte sich an letztes Jahr. Irgendwie war ihm da nicht so kalt wie heute.

Er erinnerte sich an das Mädchen mit der eng anliegenden Kapuzenjacke, nur das Gesicht war zu erkennen und ihre blaugrünen Augen spiegelten sich im Licht des Weihnachtsmarktes wieder. Sie aß genüsslich eine Waffel, nur mit Puderzucker. Sie aß immer die mit Puderzucker, jedes Jahr, das wusste er. Letztes Jahr war das letzte Mal, als er sie sah. Er verlor sie kurz danach. Jedes Jahr gingen sie gemeinsam auf diesen Weihnachtsmarkt und nun fiel ihm ein, warum er vielleicht hier war. Vielleicht wollte er sie noch einmal sehen, vielleicht war sie ja wieder, wie zuvor jedes Jahr mit ihm, auf diesem Weihnachtsmarkt. Vielleicht wollte er ihnen eine Möglichkeit geben noch einmal zu reden, doch er konnte sie nirgendwo entdecken. Ihm blieb nur noch übrig zu ihrem Wohnhaus, welches nur 3 Straßen entfernt lag, zu gehen und das zu tun, was er hätte schon immer, das ganze Jahr über, machen wollen.

Sein eiskalter Finger drückte die vom Schnee nass gewordene Klingel. Voller Spannung sah er in den Hausflur hinein, eine halbe Minute, eine Minute, ehe er es noch einmal versuchte. Doch niemand öffnete. Es hörte auf zu schneien. Traurig, ja eigentlich gekränkt verlässt er ihre Haustür. Von dem nicht allzu weit entferntem Weihnachtsmarkt hört man den Posaunenchor.Er geht zurück, nicht wirklich wissend, was er auf dem Weihnachtsmarkt noch zu suchen hat. Einmal geht er noch zu dem alten Waffelstand. Dort steht ein Mädchen. Sie trägt eine eng anliegende Kapuzenjacke. Wahrscheinlich hat sie ihn gesehen. Ihre blaugrünen Augen strahlen ihn vom Licht des Weihnachtsmarktes an. Er überlegt. Eine halbe Minute, eine Minute, vielleicht sogar länger. Plötzlich steht sie vor ihm. Sie hat 2 Waffeln in der Hand, ohne Sahne, ohne Kirschen, ohne Schokolade. Ganz ohne alles. Nur mit Puderzucker.

Geschrieben von Simon van Faassen am 5. Dezember 2015

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