Liebe macht erfinderisch

Ungeduldig durchtrennte Miriam das Kreppband des Päckchens vom Versandhandel. Sie hatte schon befürchtet, dass es nicht mehr rechtzeitig ankam. In dem quadratischen Karton befand sich ein herrliches Sommerkleid, in das sich Miriam auf den ersten Blick verliebt hatte. Es war schlicht, weiß mit bunten Blumen drauf und erinnerte sie an Frankreich. Und genau dort würden sie morgen sein. Seit Wochen schon freute sie sich auf diesen Kurztrip nach Straßburg.
Seit sich ihr Mann Lars mit einem ehemaligen Studienkollegen zusammen als Rechtsanwalt selbständig gemacht hatte, bekam sie ihn kaum noch zu Gesicht. Und wenn er mal einen freien Tag hatte, nahmen ihre beiden Söhne ihn in Beschlag. Er war ein wunderbarer Vater. Miriam wunderte sich oft darüber, wie er bei der ganzen Arbeit noch die Geduld aufbrachte, um mit Julian und Bengie Fußball zu spielen.Die Jungs verbrachten das Wochenende bei Miriams Eltern. Diese hatten einen kleinen Bauernhof. Ein bisschen Landluft und die gute Küche der Großmutter würden den beiden sicher gut tun. Miriam zog ihren Morgenmantel aus und streifte sich geschickt das neue Kleid über. Es passte wie für sie gemacht. Nun konnte sie Lars doch noch damit überraschen, natürlich mit den entsprechenden Dessous darunter. Sie lächelte bei dem Gedanken. Im gleichen Moment spürte sie zwei starke Arme, die sich um ihre Taille legten. „Guten Morgen, Liebes“, flüsterte Lars ihr ins Ohr. „Wow, das sieht ja klasse aus. Du solltest öfters Röcke tragen.“ „Oh nein, jetzt hast du mir die ganze Überraschung verdorben.“ Miriam verschränkte die Arme vor der Brust und zog gekonnt einen Schmollmund. „Du hättest es doch erst in Straßburg zu Gesicht kriegen sollen.“ „Okay, Vorschlag: Du ziehst es ganz schnell aus, und ich vergesse sofort, dass ich es schon gesehen habe.“ Er grinste und sah dabei aus, wie ein Lausbub. „Ja klar, das würde dir so passen.“ Miriam lachte und drückte Lars einen Kuss auf den Mund. Seine Haare waren noch nass und er roch nach Duschgel. Das Telefon klingelte. Miriam schaute Lars zu, wie er barfuss und nur mit einem Handtuch um die Hüften hinter der hellen Holztür ihrer Küche verschwand. Sie bekam eine Gänsehaut, als sie spürte, wie fasziniert sie nach fünf Jahren Ehe noch immer von ihm war. Sie summte eine Melodie vor sich hin, während sie die Brötchen auf den Tisch stellte.Lars kam mit dem Telefonhörer in der Hand zurück. Sie sah es sofort an seinen Augen, dass etwas nicht in Ordnung war. „Ist was mit den Kindern?“ „Nein, nein, nix mit den Kindern. Das war Andrèe, mein Partner.“ Lars biss nervös auf seiner Unterlippe herum. Miriam dämmerte es. „Sag bitte nicht, dass du arbeiten musst.“ „Andrèe hat sich beim Kickboxen den Fuß gebrochen“, wich Lars ihrer Frage aus. „Er liegt im Krankenhaus.“ „Und was heißt das jetzt?“ Miriam konnte sich die Antwort denken.„Ich muss einen wichtigen Mandantentermin für ihn übernehmen. Wirklich eine dringende Sache. Das kann ich nicht einfach absagen…“„Ach, aber Frankreich schon?“ „Liebes, versteh´ doch…“„Ich will aber nicht verstehen! Weißt du, wie lange ich mich auf Straßburg gefreut habe?“„Hör zu, wir reden heute Abend darüber“, Lars verließ die Küche.„Wohin gehst du?“„Mich anziehen. So kann ich schlecht in die Kanzlei.“ Zwanzig Minuten später saß Miriam allein am Frühstückstisch. Wütend warf sie ihr neues Kleid in eine Ecke. „Mistkerl“, fluchte sie. Um sich abzulenken ließ sie ihre Wut am Blumenbeet aus, dann an der schmutzigen Wäsche und zum Schluss am Badezimmer. Wenigstens hatten ihre Wutanfälle immer den positiven Nebeneffekt, dass die Wohnung danach blitzblank war. Erschöpft ließ sie sich aufs Sofa fallen und schlief ein. „Aufstehen, Liebes, ich hab eine Überraschung für dich“, weckte sie Lars sanfte Stimme. „Wie spät ist es?“, Miriam rieb sich die Augen. „Gleich halb sechs“, Lars setzte sich hinter sie und massierte ihre Schultern. Miriam duschte sich den Staub und den Schweiß von ihrem Körper und schlüpfte wieder in ihr Sommerkleidchen, dass Lars ihr ordentlich über den Stuhl gehängt hatte.„Und nun, schöne Frau, möchte ich Sie nach draußen entführen“, er verband ihr die Augen mit einem Seidentuch. Sie fuhren einige Minuten mit dem Auto. Miriam platzte schier vor Neugierde. Als Lars ihr das Tuch abnahm, traute sie ihren Augen nicht. Sie standen an einem lauschigen Plätzchen direkt am Ufer des Neckars. Lars hatte einen Teppich ausgebreitet und mit allerlei französischer Leckereien ein herrliches Picknick gezaubert. „Wenn wir nicht nach Frankreich können, dann muss Frankreich eben zu uns kommen.“ Miriam fiel Lars um den Hals und küsste ihn so stürmisch, dass sie beide für einen Augenblick die Séine rauschen hörten…

Geschrieben von Tomas am 28. September 2012

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